Public Lectures 2017: Wirtschaft - Bildung - Innovation

Im Wintersemester 2017/18 werden bereits zum vierten Mal hochkarätige Expertinnen und Experten aus Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft in einer Vortragsreihe ihr Wissen zu Themen des aktuellen Wirtschaftsgeschehens an allen Interessierten weitergeben.

Auftaktveranstaltung:  „Streitpunkte der Wirtschaftspolitik - in Österreich und in der EU“

  • Prof. Peter Michael Lingens (Journalist, Verleger, Herausgeber der Zeitschrift Profil)
  • Dr. Reinhold Mitterlehner (Vizekanzler a.D., Unternehmer)
  • Dr. Stefan Schulmeister (Wirtschaftsforscher, -experte)

Die an die Kurzvorträge anschließende Podiumsdiskussion wird von Dietmar Mascher (Stellvertretender Chefredakteur Oberösterreichische Nachrichten) moderiert. 

Datum/Ort: Montag, 9. Oktober 2017, 17:30 - 19:00 Uhr, Pädagogische Hochschule OÖ, Kaplanhofstraße 40, 4020 Linz, Hörsaal 2

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Zur Anmeldung Public Lecture „Streitpunkte der Wirtschaftspolitik" 

Streitpunkte der Wirtschaftspolitik: Reinhold Mitterlehner

Inhalt:

Nach der Wirtschaftskrise 2009 und den Dauerproblemen mit Griechenland werden auf nationaler und internationaler Ebene Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur teilweise sehr konträr diskutiert:

Auf EU Ebene scheinen 3 Themen prioritär:

1. Soll die Krise mit Investitionen auch auf Schuldenbasis bekämpft werden, oder gilt es die nationalen Haushalte wieder ins Gleichgewicht zu bringen?
2. Kann es, wie von Juncker vorgeschlagen, sinnvoll sein den Euro auf alle EU Staaten auszuweiten oder fängt man sich gerade dadurch wieder neue Ungleichgewichte ein?
3. Wenn Trump “US first“propagiert: Was heißt das für die Weltwirtschaft und was bedeutet  das für Handelsabkommen wie TTIP oder brauchen wir derartige Instrumente gar nicht?

Auf nationaler Ebene scheinen 3 Themen wichtig:

1. Staat versus Markt : Bund und Länder bewirtschaften nach wie vor Unternehmen im öffentlichen Eigentum, wieweit ist das im Sinne von Daseinsvorsorge sinnvoll oder könnte durch weitere Privatisierung nicht der Markt das erfolgreicher gewährleisten ?
2. Steuerreform: Wie weit sollen Unternehmenssteuern wie die KÖST noch weiter abgesenkt werden, was heißt das für die Umverteilung hin zu unterdurchschnittlichen Einkommen und wäre nicht überhaupt besser eine ökologische Steuerreform durchzuführen?

3. Infrastruktur und Umwelt: Wichtige Großprojekte im Bereich Infrastruktur und Wirtschaft wie Westring und 3. Piste für den Flughafen Wien werden durch immer neue Einwendungen und UVP Verfahrensschritte verzögert, brauchen wir wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen?

Sechs Themenkomplexe deren Umsetzung für die Zukunft der österreichischen Wirtschaft im internationalen Umfeld relevant sein werden.

Kurzbiographie Mag. Dr. Reinhold Mitterlehner:

  • Geboren Dez. 1955 in Helfenberg, OÖ
  • Jus- Studium in Linz
  • Start der Karriere in der WK OÖ
  • 1992 GS Wirtschaftsbund
  • 2000 Abgeordneter zum NR
  • 2008 Wirtschaftsminister
  • 2013 Wirtschaft und Wissenschaft
  • 2014 bis Mai 2017 Vizekanzler
  • seit September 2017 Unternehmer

Streitpunkte der Wirtschaftspolitik: Peter Michael Lingens

Inhalt:

Politiker haben es derzeit extrem schwer:  Wie sollen sie die Wirtschaftspolitik gestalten, wenn die Ansichten der Ökonomen einander in zentralen Fragen diametral widersprechen?
Der wahrscheinlich größere Teil der deutschsprachigen Ökonomen und mit ihnen der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und der österreichische Finanzminister Hans Jörg Schelling sind der Ansicht,  das der Staat dringend sparen und seine Schulden abbauen sollte. Angela Merkel hat das mit dem Spar-Pakt für die gesamte EU durchgesetzt.
Der deutsche Wirtschaftsweise Professor Peter Bofinger hält den Spar-Pakt mit einer Minderheit der deutschen Ökonomen für "blödsinnig" und die angelsächsischen Nobelpreisträger Joseph Stieglitz und Paul Krugman sind ganz seiner Meinung. Sie befürchten, dass der Euro und die EU am Spar-Pakt zerbrechen könnten.
Die meisten deutschen Ökonomen und mit Ihnen Wolfgang Schäuble, behaupten, dass der Spar-Pakt ganz im Gegenteil entscheidend dazu beigetragen habe, Europas Süden - Italien, Spanien, Portugal und sogar Griechenland - zu sanieren. Sie verweisen auf deren zurzeit besonders hohe Wirtschaftswachstumsraten. Ihre Kritiker behaupten dass die Wirtschaft dieser Staaten nur deshalb so stark wächst, weil sie zuvor so tief abgesackt ist, und weil ein Zufall - der Terror in Afrika und der Türkei - ihnen nie da gewesene Tourismus-Einnahmen beschert.
Europa funktioniere dank des staatlichen Sparens immer besser, sagen die Ökonomen, denen Schäuble folgt - Europa funktioniere trotz des Sparens, wenn auch äußerst mäßig, sagen ihre Kritiker: es sei in einen starken Norden und einen kaputten Süden zerfallen. Der dürftige aktuelle Aufschwung sei ebenfalls eine Folge des großen Rückstandes und darüber hinaus vor allem der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank geschuldet: Mario Draghi habe zuerst den Euro gerettet und sorge jetzt für billige Kredite. Der Chef der deutschen Bundesbank Jens Weidmann hält eben diese lockere Geldpolitik für völlig falsch - sie enteigne die Sparer und würde irgendwann in Inflation münden. Wolfgang Schäuble denkt ähnlich, hat sich damit aber ausnahmsweise nicht durchgesetzt.
Deutschland floriere sagen Schäuble und Merkel und das sein der Agenda 2019 des sozialdemokratischen Kanzlers Gerhard Schröder zu danken, die zu weiser Lohnzurückhaltung geführt hätte, sagt die Mehrheit der deutschen Wirtschaftsweisen.
Ihre Kritiker verweisen darauf, dass es in Deutschland heute doppelt so viel Arme wie vor zehn Jahren gäbe, und dass die deutsche Lohnzurückhaltung der entscheidende Grund für Europas Spaltung sei.
Ich könnte noch zahllose andere Streitpunkte aufzählen die die EU und Österreich gleichermaßen im Zentrum betreffen, will es aber vorerst bei diesen bewenden lassen.

Kurzbiographie Peter Michael Lingens:

Peter Michael Lingens wurde in Wien als Sohn des Ärzteehepaares, Dr. Ella und Dr. Kurt Lingens geboren. Er ist Journalist und Verleger in Wien. Er begann seine Karriere bei der Arbeiterzeitung, wechselte nach einem Jahr zum Kurier, wo er für seine Gerichtsaalberichterstattung mit dem Rennerpreis für Publizistik ausgezeichnet wurde. 1970 bestellte ihn Oscar Bronner zum Gründungschefredakteur des profil, das er durch 18 Jahre führte. Zwischen 1990 und 1993 war er Herausgeber und Chefredakteur der Wochenpresse/ Wirtschaftswoche, für deren Ausgestaltung als Wirtschaftszeitschrift er mit dem Czipin- Preis der Wirtschaftsuniversität Wien ausgezeichnet wurde.
1993 bis 1996 war er Co- Chefredakteur des Standard. 1997 bis 2000 nahm er eine Professur für Journalismus an der Donau- Universität Krems und später der Journalismus- Akademie in Wien wahr.
Bis 2017 war er Kolumnist des profil. Derzeit ist er Kolumnist des Falter.

Er ist Autor mehrer Bücher, darunter „Auf der Suche nach den verlorenen Werten“, „Begegnungen“, "Wehrloses Österreich" „Ansichten eines Außenseiters“ und zuletzt „Drogenkriege“. 

Streitpunkte der Wirtschaftspolitik: Stefan Schulmeister

Im Zentrum stehen Diagnose und Therapie folgender Hauptprobleme:
Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Armut.

Der Mainstream hält sich an den Grundsatz: Wo ein Problem in Erscheinung tritt, dort müssen seine Hauptursachen liegen:

  • Arbeitslosigkeit entsteht, weil der Arbeitsmarkt nicht funktioniert (zu viele Regulierungen, zu hohe Lohn(neben)kosten, zu starke Gewerkschaften, zu hohes Arbeitslosengeld). Dies gilt es durch „Strukturreformen“ zu ändern.
  • Staatsverschuldung entsteht, weil der Staat über seine Verhältnisse lebt, also soll man sparen, insbesondere im Sozialbereich.
  • Armut entsteht durch Arbeitslosigkeit (s. o.) und zusätzlich durch zu hohe Sozialleistungen. Also gilt „Leistung muss sich wieder lohnen“, u. a. durch Kürzung der Mindestsicherung.

Aus systemischer Sicht haben alle drei Entwicklungen eine gemeinsame Ursache:

  • Die Anreizbedingungen haben seit Anfang der 1970er Jahre das Gewinnstreben von Real- zu Finanzinvestitionen verlagert.
  • Deshalb wurden immer weniger „reguläre“ Jobs geschaffen (Arbeitslosigkeit ist ein Defizit an Arbeitsplätzen), an ihrer Stelle gibt es in Europa immer mehr atypische Beschäftigungsverhältnisse (100 Millionen, also etwa ein Drittel). Das erhöht Armut und die Staatsverschuldung.
  • Sinkende Realkapitalbildung bedeutet sinkendes Wachstum und auch das lässt die Staatsverschuldung steigen. Sparen, insbesondere im Sozialbereich, dämpft die Gesamtnachfrage und erhöht die Armut zusätzlich.

Diese Sicht lässt sich am Beispiel der Finanzierungssalden aller Sektoren verdeutlichen:

  • Die Haushalte haben Überschüsse (sie sparen) und legen diese im Finanzsektor an.
  • In den 1950er und 1960er Jahren konnte man nur in der Realwirtschaft Profit machen, also haben die Unternehmer das Sparen der Haushalte als Kredit (Defizit) übernommen und in Realkapital und Arbeitsplätze „verwandelt“.
  • Die Leistungsbilanzen waren annähernd ausgeglichen und damit auch der Saldo des jeweiligen Auslands.
  • Da die Summe aller Salden Null beträgt, hatte der Staat einen ausgeglichenen Haushalt, bei einem Zinssatz unter der Wachstumsrate sank die Staatschuldenquote 20 Jahren lang, genau in jener Zeit als der Sozialstaat ausgebaut wurde.

In den letzten Jahrzehnten haben die Unternehmer ihre Finanzinvestitionen ausgeweitet, seit mehr als 10 Jahren halten sie Überschüsse (= sie nehmen nicht mehr netto Kredite auf, sondern akkumulieren Finanzkapital). Unter diesen Bedingungen musste der Staat ein Defizit „erleiden“, insbesondere durch gedämpfte Steuereinnahmen und höheren Sozialaufwand für Arbeitslose.

Ausnahme: Länder, denen es gelang, gegenüber ihrem Ausland (Rest der Welt) hohe Überschüsse zu erzielen. Das Paradebeispiel ist Deutschland seit 1999: Durch extreme Lohnzurückhaltung bei konstantem Wechselkurs (Euro) erzielte Deutschland immer höhere Überschüsse in der Leistungsbilanz, die entsprechenden Defizite, insbesondere von Südeuropa, stabilisierten die deutsche Wirtschaft um den Preis einer steigenden Auslandsverschuldung (Südeuropas). Das wurde ihnen nach der Finanzkrise zum Verhängnis. Am härtesten wurde das „Über-ihre-Verhältnisse-Leben“ von jenem Land verurteilt, das davon am meisten profitiert hatte.

Mit der Eurokrise begann der Prozess der europäischen Des-Integration und der Aufstieg der Rechtspopulisten. Beide Prozesse werden noch weiter gehen, zumal Parteien der (alten) Mitte nun selbst immer populistischer werden.

Kurzbiographie Mag. Dr. Stephan Schulmeister

Jahrgang 1947, Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Universitätslektor und selbständiger Wirtschaftsforscher, 1972 bis 2012 Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO).
Forschungsschwerpunkte: Spekulation auf den Finanzmärkten und ihre realwirtschaftlichen Konsequenzen, Einfluss des Zinsniveaus auf Wirtschaftswachstum, Beschäftigung und Staatsverschuldung, Analyse der längerfristigen Entwicklung der Weltwirtschaft.

Lehrtätigkeit an der Universität Wien und der Wirtschaftsuniversität Wien.

Homepage:  http://stephan.schulmeister.wifo.ac.at

 

Gäste der weiteren Public Lectures sind Mag.a Henrike Hügelsberger, MSc (FFG Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft mbH) und Willi Ruttensteiner, MBA (ÖFB Sportdirektor).